Äthiopien - Teil 1: 27.03.2008 – 19.04.2008

Wir durchfahren den kleinen Grenzort Galabat auf sudanesischer Seite und versuchen in dem Gewusel aus Menschen und Tieren die Gebäude zur Abwicklung der Formalitäten ausfindig zu machen. Und plötzlich stehen wir vor einer kleinen Brücke, welche die Grenze zwischen den beiden Ländern bildet. Uwe steigt aus, um in einem der offiziellen Büros vorzusprechen. Das rege Treiben ist faszinierend. Obgleich hier nur zwei benachbarte Länder aneinander grenzen, scheint uns doch eine ganz neue Welt zu erwarten. Die Äthiopier sind kaum noch verschleiert und haben eine unübersehbare Schwäche für Regenschirme, die sie als Sonnenschutz benützen und so schillert das Treiben jenseits der Brücke in bunten Farben. Die Formalitäten sind sowohl auf sudanesischer als auch auf äthiopischer Seite überraschend schnell erledigt und zudem noch gebührenfrei. Niemand interessiert sich beim Abstempeln des Carnets für unser Fahrzeug und so freuen wir uns über diesen unverhofft schnellen Grenzübertritt und setzen unsere Fahrt mit dem Wunsch kühlere Hochlagen zu erreichen fort. Die sollen wir bald haben, denn schon nach etwa 100 Kilometern zeigt unser GPS knappe 3000 Höhenmeter an und Hansi kommt ganz schön ins Schwitzen. Wir genießen die Landschaft in vollen Zügen und betrachten die Dörfer, die zum größten Teil aus traditionellen Rundhütten bestehen. Unsere erste Pause in Äthiopien verbringen wir in einer kleinen Bucht seitlich der Straße und sind sehr verwundert, dass niemand an unserem Mittagessen Anteil nimmt – hatten wir doch all die vielen Berichte und Bilder vor Augen, in denen man niemals allein ist.

Fahrend erklimmen wir einige Berge, genießen die herrliche Landschaft und freuen uns sehr, in Äthiopien angelangt zu sein. Am Straßenrand begegnen wir winkenden Menschen und empfinden den ersten Eindruck von Land und Leuten als sehr angenehm. Einzig Hansi wird ganz schön strapaziert. Wir übernachten in Aykel, einem recht schönen Ort, an dessen Einfahrt wir ein dicht belagertes Fußballfeld passieren. Der Versuch ein Foto zu schießen wird mit heranstürmenden Kindern quittiert und innerhalb einer Sekunde sind wir umlagert. Also war unsere Mittagspause doch eine rühmliche Ausnahme. Da die Hotels eher klein sind und wir mit unserem LKW nicht den ganzen Hof blockieren wollen oder aber erst gar nicht durch die Toreinfahrten passen, fragen wir an einer Bank, gegenüber der wir parken dürfen und gegen ein Trinkgeld von den Nachtwächtern eine ruhige und sichere Nacht versprochen bekommen.

Wir beschließen, nicht direkt in das kulturell interessante Gondar zu fahren, sondern uns zunächst am nördlichen Ufer des Lake Tana von der Hitze des Sudans zu erholen. Die Hotelanlage die uns dort erwartet übertrifft unsere Vorstellungen bei weitem. Wohin man schaut blüht es, die Vögle zwitschern von allen Seiten und direkt vor uns liegt der See. Die Anlage ist einem Schiff nachempfunden und stammt noch aus sowjetischer Zeit. Ein ganz eigener Charme. Einzig schwierig für uns ist, dass direkt an dieses kleine Fleckchen Paradies der Ort mit all seiner Armut angrenzt. Das Hotel wird für Konferenzen und am Wochenende auch als Ausflugsziel für Familien und Gruppen aus Gondar und Umgebung genutzt und so können wird den einheimischen Kontrast zwischen Wohlstand und Armut sehr deutlich beobachten. Für uns ist es schwierig. Die Kinder fragen nach Stiften und Heften und wir hören mehr als ein Mal, dass Deutschland ein gutes Land ist, da es Schuhe spendet und Schulunterricht ermöglicht. Diese Aussagen lösen bei uns eher gemischte Gefühle aus, zumal die Straßenränder streckenweise dicht an dicht von Hilfsorganisationen jeglicher Nationalität gesäumt sind. Daneben gibt uns die Gegenwart eines etwa neunjährigen Jungen, der uns über eineinhalb Tage nicht von der Seite rückt, die Gelegenheit, uns sehr intensiv mit dem Thema der Armut und der Hilfeleistung auseinander zu setzen.

Nach vier schönen Tagen am Lake Tana fühlen wir uns soweit regeneriert, dass wir unser Lager nach Gondar verlegen. Wir besichtigen die alten Kaiserpaläste, den sogenannten Gemp, und lassen uns in der Belegez-Pension kulinarisch verwöhnen. Nicole fühlt sich noch immer sehr schlapp und verschläft fast zwei volle Tage. In Gondar lernen wir Lea kennen, die zusammen mit ihrem Mann nach Äthiopien geradelt ist, um dort an einem sinnvollen Projekt mitzuarbeiten. Es ist eine kleine, lokale Organisation, die sich verwaisten Straßenjungen annimmt, ihnen ein Zuhause gibt und sich um ihre Schulbildung kümmert. Im Büro der Organisation können wir uns von der nachhaltigen Tätigkeit überzeugen. Wir treffen dort einen Jungen, der seine Schule beendet und nun Arbeit gefunden hat, weshalb er nun aus dem Hilfsprogramm ausscheidet und seinen eigenen Weg geht. Wer sich für die Arbeit der Parentless Street Children Organisation interessiert, findet nähere Infos unter WWW.YENEGETESFA.ORG. (Ursula – wir haben den uns anvertrauten Betrag von Dir hier gespendet und sind sicher, er findet einen gute Verwendung.)

Dank etwas Antibiotikum sind wir schließlich beide wieder fit und machen uns auf den Weg in die Simien Mountains, wo wir zu einer 5-tägige Trekking-Tour starten. Ein eindeutiges Highlight unserer bisherigen Reise. Die Aussichten sind gigantisch und die Ruhe der Natur eine schöne Abwechslung. Wir wandern jeden Tag etwa 5-6 Stunden und unser Guide Israel ist auf dieser Tour eine große Bereicherung, da er uns mit Informationen über das Leben in Äthiopien versorgt und ein wirklich sehr angenehmer Begleiter ist. Daneben ist noch Gatch, ein einheimischer Scout, mit von der Partie. Leider spricht er kein Englisch, wir erfahren aber über Israel, dass Gatch insgesamt seit drei Jahren auf einen Einsatz als Scout gewartet hat und nun seine erste Tour mit uns macht. Und das ausgerechnet mit einem solchen Gefährt. Wahrscheinlich ist er völlig verwirrt von all den Eindrücken. Hat man einen Guide dabei, bräuchte man eigentlich keinen Scout mehr. Dieser ist jedoch obligatorisch, um den insgesamt 28.000 Menschen in den Simien Mountains ein wenig Arbeit zu verschaffen, da die Einrichtung des Nationalparks für sie mit ein paar Restriktionen ihrer bisherigen Lebensweise verbunden ist.

Auf Israels Vorschlag hin stellen wir die Trekkingroute so zusammen, dass wir zwei Nächte im Zelt verbringen und zwei weitere Nächte unseren Hansi vor Ort haben. Dies erweist sich als absolut gute Wahl, da die letzten zwei Nächte sehr regenreich sind und einige Meter über uns sogar Schnee liegt. Für die zwei Übernachtungen im Zelt haben wir einen Muli mit Muliführer dabei, so dass wir unser Gepäck nicht selbst zu tragen brauchen. Sehr bequem, insbesondere da wir (leider) auf einen Koch verzichtet haben und so einiges mehr an Utensilien benötigen. Vor der Tour hatte uns Israel die Frage nach einem Kocher gestellt. Zunächst hatten wir beim örtlichen Ladengeschäft einen made-in-china-Kerosin-Kocher erstanden, ihn dann aber doch wieder zurückgegeben, da Uwe mehr Vertrauen in unseren eigenen Benzinkocher hatte. Dieser hat zwar ein größeres Packmaß, was dank dem Muli ja nicht weiter ins Gewicht fällt. Nach dem ersten Wandertag im Gich-Camp angelangt, freuen wir uns auf eine warme Suppe. Diese lässt jedoch lange auf sich warten, da unser Kocher selbst nach 1,5 mühsamen Bastelstunden einfach nicht zünden will und wir somit erst warten müssen, bis uns der Koch einer anderen Trekkinggruppe seinen made-in-china-Kerosin-Kocher aus dem heimischen Laden leiht. Dumm gelaufen und Glück gehabt.

Zurück in Debark bitten wir Israel, noch einen kleinen Marktgang mit uns zu machen. Wir wollen ein paar Dinge kaufen, bei denen er uns sicherlich eine große Hilfe sein wird. Und so ist es dann auch. Wir kaufen ein paar traditionelle Schals, Popcornmais und frischen Kaffee. Dieser ist noch ungeröstet und so werden wir von Israel in die Geheimnisse der Kaffeeröstung und -zubereitung eingewiesen. Als er uns fragt, ob wir etwas haben um den gerösteten Kaffee zu mahlen verneinen wir und so schickt er einen der zahlreich neben uns stehenden Zuschauer los, um einen Kaffeemörser zu Demonstrationszwecken zu holen. Das herbeigebrachte Stücke ist sehr schön und Israel erklärt uns, dass dieser Mörser gut eingearbeitet sei, denn um einen neuen Mörser, der traditioneller Weise aus Holz gefertigt ist zum Mahlen des Kaffees benutzen zu können, bedarf es einer etwa einmonatigen Prozedur, die auch er nicht genau kennt. So wird verhandelt und schließlich bietet der junge Mann uns den Mörser für 100 Birr (etwa 7 €) zum Kauf an. Viel Geld für äthiopische Verhältnisse. Wir bieten 80 Birr und der potenzielle Verkäufer verschwindet, um seine Mutter über den Preis zu befragen. Während wir warten, werden aus verschiedenen Richtungen weitere Kaffeemörser verschiedenster Qualität herbeigeschleppt und uns zum Kauf angepriesen. Die umstehenden Menschen amüsieren sich köstlich, wir und Israel eingeschlossen. Es wird gelacht, gefeilscht und ausgeschlagen, denn der erste Mörser war einfach der qualitativ beste und auch schönste. Als der Sohn der Eigentümerin zurückkehrt, berichtet er uns, dass seine Mutter ihr gutes Stück doch nicht verkaufen will. So bieten wir also doch die gewünschten 100 Birr und nach erneuter Rücksprache mit seiner Mutter freuen wir uns schließlich über unseren neuen alten Kaffeemörser. Nach dieser lustigen Episode verabschieden wir uns von Israel, was uns nach den gemeinsamen Tagen und den vielen schönen Gesprächen schon etwas schwer fällt. Aber so ist es beim Reisen. Man lernt nette Menschen kennen und muss sich irgendwann dann doch wieder verabschieden. (Marion – dass hattest Du uns ja in Frankfurt schon prophezeit.)

Da sowohl die extremen Höhenunterschiede in den Bergen als auch die schlechten Straßen sehr strapaziös für Hansi sind, ändern wir unseren ursprünglichen Plan und fahren statt nach Axum zurück nach Gondar, wo sich die Angestellten der Belegez-Pension über unsere Rückkehr freuen. Wir verbringen einen schönen Tag auf dem Markt und starten nach zwei Nächten in Richtung Süden. Diesmal sind wir nicht allein. Insgesamt fünf weitere Pensionsgäste bitten nach und nach um Transfer und so fahren wir schließlich zu siebt im Hansi nach Bahir Dar, der südlichsten Stadt am Lake Tana. Das Ghion-Hotel liegt mit schöner Gartenanlage direkt am See und wir können zahlreiche Pelikane und Fischreiher beobachten. (Leo – Du würdest Dich hier wirklich wohl fühlen) Wir genießen die gesellige Runde, checken im mal wieder sehr langsamen Internet unsere Gästebucheinträge (haben uns wieder über jeden neuen Eintrag gefreut!) und planen mit drei unserer Fahrgäste den Besuch der blauen Nilfälle für den folgenden Tag. Es ist Sonntag und somit sind die Fälle sehenswert. Unter der Woche wird das Wasser zwecks Energiegewinnung aufgestaut und der verbleibende Wasserfall gleicht eher einem Rinnsal. Sehr nervig sind allerdings die vielen Kinder, die ihre Souvenirs anpreisen und uns über ein gutes Stück des Weges begleiten. Noch unbegreiflicher ist jedoch, dass einheimische Jugendliche, die uns auf dem Hinweg eine Passierstelle im Flusslauf gezeigt hatten zwischenzeitlich die dort liegenden großen Steine verrückt hatten, so dass sie uns auf dem Rückweg abfangen und mit ihren Souvenirs belagern konnten. Und wir hatten uns schon gewundert, dass sie für Ihre Hilfeleistung auf dem Hinweg keinerlei Gegenleistung gefordert hatten. Trotzdem war es ein schöner Ausflug, der nach Rückkehr zum Hotel mit einer wohlverdienten Massage für jeden von uns belohnt wird. Die erste Massage nach drei Monaten! (Uli – ich vermisse Dich!)

Nachdem wir uns über die Straßenzustände nach Lalibela informiert haben, beschließen wir, diese Strecke nach Möglichkeit nicht mit unserm Hansi zurückzulegen, sondern einen Flug dorthin zu buchen. Die Inlandsflüge sind verhältnismäßig preiswert und so können wir unseren Truck ein wenig schonen und ihm gut bewacht ein paar Erholungstage am Ghion-Hotel gönnen. Wir sind sehr zufrieden mit dieser Entscheidung, denn der Blick aus der Luft zeigt Berge, Berge und noch mehr Berge. Lalibela aber ist auf jeden Fall einen Besuch wert. Wir besichtigen die zahlreichen Felsenkirchen und bestaunen die Meisterleistung, ganze Kirchen aus dem Fels geschlagen zu haben, wobei jede Kirche nur aus einem einzigen Stück Stein besteht. Ausgehend vom oberen Felsreich, wurde zunächst die Außenfassade der Kirche in die Tiefe gearbeitet. Dann wurde der Fels von Innen ausgehöhlt und so der eigentliche Innenraum der Kirche gestaltet. Wirklich beeindruckend. Insbesondere da die Kirchen noch heute genutzt werden und sich mit dem Gesang der Priester und Mönche eine ganz eigene Atmosphäre bietet.
Zur Zeit bekommen die Kirchen neue Dächer, ein 70 Mio. Auftrag, der finanziell von der EU getragen wird und von einer italienischen Stahlbaufirma ausgeführt wird. Insgesamt fünf Dächer sollen die Kirchen vor der Zerstörung durch Regen schützen, denn lediglich die Kirche Bete Gyorgis, bei deren Bau alle bis dahin gesammelten Erfahrungen zusammengeflossen sind, beinhaltet ein Entwässerungssystem in ihrem Dachrelief. Wir genießen zwei schöne Tage in Lalibela, obgleich wir statt in einem Hotelzimmer doch lieber in unserem Hansi genächtigt hätten.

Nach Rückkehr nach Bahir Dar erledigen wir das übliche Programm – Einkäufe, Wäsche waschen, e-mails checken, .... Und morgen geht es weiter in Richtung Addis Abeba.