In unserer Reisepause in Dar es Salam haben wir uns dazu entschlossen einen Bericht über ein Ereignis ins Netz zu stellen, das bereits im Februar stattgefunden hat. Wir haben lange überlegt, ob wir dieses überhaupt kommunizieren sollen, sind aber letztendlich zu dem Ergebnis gekommen, dass auch dies ein Teil unserer Reise ist.

Ägypten: 04. Februar 2008

Wir haben die Grenze von Libyen nach Ägypten überquert. Wir sind froh, die aufwendigen Grenzformalitäten gemeistert zu haben und endlich wieder ohne Begleitung reisen zu können. Wir durchfahren Solum, kaufen noch ein paar backwarme Fladenbrote und passieren den ersten Police-Check-Point hinter der Stadt. Die drei Beamten sind nett, und nach dem üblichen „woher und wohin“ können wir passieren.

Weit wollen wir nicht mehr, denn es wird bald dunkel. So biegen wir ein gutes Stück hinter dem Check-Point von der Hauptstraße in Richtung Strand ab. Wir wollen die zwei Dünenketten passieren, um halbwegs geschützt und nicht direkt von der Straße ersichtlich die Nacht zu verbringen. Kurz vor dem Strand kommt ein älterer Mann in ziemlich abgewetzter Militärkleidung auf einem Eselskarren auf uns zu, und erklärt uns, dass es verboten sei hier zu campen. Tagsüber kein Problem, aber nicht nachts. Wir sollen auf die andere Seite der Hauptstraße fahren. Dem Rat wollen wir folgen und nehmen den gleichen Weg wie wir gekommen sind zurück in Richtung Straße. Bis Hansi plötzlich und ohne Vorwarnung linksseitig bis zur Mitte der Radnabe im Schlamm versackt. Schönes Schlamassel. Noch ist es hell und wir machen uns ans Schaufeln. Sandbleche raus, untergelegt und der erste Freifahrversuch. Erfolglos. Hansi gräbt sich immer weiter in den Schlamm. Zu blöd, wir haben unsere Fahrspur vom Hinweg um genau eine Spurbreite nach links verlegt und das war offensichtlich ein verhängnisvoller Fehler. Da kommt auch schon der alte Militärmann mit seinem Eselskarren angefahren. Außer Kopfschütteln fällt auch ihm nicht viel ein. Wir versuchen weiter Hansi aus der Schräglage zu befreien, doch die Räder drehen durch und es scheint aussichtslos. Kurz darauf kommen zwei junge Soldaten querfeldein auf uns zu marschiert. Sie haben uns vom nahen Militärposten, den wir irrtümlich für ein Fabrikgebäude gehalten hatten, beobachtet. Sie fangen an, das magere Gebüsch auszurupfen und unter die durchdrehenden Räder zu stopfen. Aber auch das bringt uns nicht weiter. Da auch sie nur über wenige Worte Englisch verfügen ist die Verständigung schwierig. Wir sollen alles abschließen, über Nacht am Stützpunkt schlafen und morgen würden sie ein großes Gefährt anrücken lassen, was uns dann aus dem Morast zieht. Alles „no problem“. Inzwischen dämmert es und uns bleibt nicht viel anderes übrig als den Soldaten zu folgen. Wir packen einen Rucksack mit den wichtigsten Utensilien für die Nacht, schnappen unsere Schlafsäcke, verriegeln den Lkw und machen uns auf den etwa 15 minütigen Weg zu dem kleinen Militärstützpunkt.

Die Jungs empfangen uns freundlich und laden uns in ihr Zimmer ein, das kaum größer ist als unser Hansi. Wir bekommen ein Abendessen serviert, das wir gerne annehmen. Langsam füllt sich der enge Raum mit mehr und mehr Soldaten, die offenbar von ihrem Rundgang zurückkommen und uns ebenfalls freundlich begrüßen. Dann wird lange diskutiert. Wir verstehen so gut wie nichts und fragen nur immer wieder, ob es ein „big problem“ sei. Nein, nein, „no problem“ wird uns immer wieder versichert. Morgen käme ein großes Fahrzeug, das uns dann rauszieht. Es wird geredet, diskutiert und telefoniert. Dann plötzlich heißt es zurück zum Auto, es käme bereits jetzt schon Hilfe zum Bergen unseres Hansis. Drei der Jungs schnappen sich unser Gepäck, ein Vierter, mit Gewehr und Handytaschenlampe bewaffnet schließt sich uns an. Erleichtert die Nacht nun doch nicht auf dem Stützpunkt verbringen zu müssen machen wir uns auf den Weg.

Am Hansi angelangt fragen wir, was nun passieren wird. Ein großes Auto kommt. Wann? „Now.“ Wir schließen das Auto auf, die Soldaten stehen draußen. Da der Abschlepper ganz bestimmt „now“ und „not tomorrow“ erscheinen soll, bitten wir die Jungs aus der Kälte ins Auto hinein und bieten etwas zu trinken an. Schließlich hatten auch sie uns sehr gastfreundlich aufgenommen. Die Zeit vergeht und nichts passiert. Das Auto soll aber ganz bestimmt heute kommen. Die Soldaten reden, telefonieren, machen sich im Auto breit. Langsam wird die Situation etwas unangenehm. Wir versuchen einfach nur, die Zeit bis zum Eintreffen des Schleppers zu überbrücken. Plötzlich kommt dieser dann doch erst morgen. Wann morgen? „Maybe at five or at seven.“ Die Situation wird immer unangenehmer. Die Soldaten telefonieren erneut und Uwe bekommt das Handy gereicht. Ein Major erklärt, dass der Abschlepper morgen um 10 Uhr käme, wir im Auto schlafen könnten und einer seiner Soldaten die Nacht über Wache am Auto hält. Wir bitten die Soldaten das Auto zu verlassen da wir jetzt schlafen wollen.

Die zwei als Wache bleibenden Soldaten fangen an zu diskutieren. Es sei draußen „very cold“ und sie könnten ja in der Kabine bleiben während wir schlafen. Das wollen wir nicht. Dann fragen sie nach Jacken. Wir verweisen die zwei in die Führerkabine, bieten neben Essen und Trinken eine Decke an und hängen von Innen das Schoß in die Durchgangstür. Endlich ist Ruhe im Auto. Wir legen uns schlafen. Völlig geschafft von der anstrengenden Woche in Libyen und dem aktuellen Ereignis schlafen wir trotz der unbequemen Schräglage sofort ein.

Plötzlich klopft es ans Auto. Ich bin sofort hellwach und wecke Uwe, der erschrocken aus dem Schlaf hochschreckt. Jemand hämmert mit der Faust gegen die Kabinentür: „Hello! Hello! Open the door!” Uwe springt aus dem Bett und öffnet in der Annahme es sei einer der Soldaten die Tür. Geistesgegenwärtig schlägt er sie sofort wieder zu, denn vor der Tür steht kein uns beschützender Soldat sondern zwei zwielichtige Gestalten mit vorgehaltenem Gewehr. Es hämmert wieder gegen die Tür. „Money, give me money!“, tönt es nun sehr barsch von draußen. Wir sind beide völlig geschockt. Uwe ruft: „One moment.“ “Open the door” dröhnt es von draußen. Dann schlägt der Gewehrlauf gegen die Glasscheibe der Kabinentür. Von außen wird mit aller Gewalt am Türgriff gerissen. Uwe hält von Innen dagegen. Es wird immer wieder nach Geld verlangt. Die zweite Person schlägt von der anderen Seite gegen den Lkw. Ich liege regungslos auf dem Bett, keine Ahnung was ich tun könnte. „Money, give me money.” – “We don´t have any money!” – “Give me money or fire”, spitzen sich die Drohungen nun zu. Uwe schreit immer wieder: „We don´t have any money.“ Das Rütteln an der Tür wird immer heftiger. Uwe kann nur mit äußerster Kraft gegenhalten, da die Hebelwirkung für ihn die schlechtere ist. Die Schrauben von der zusätzlichen Türverriegelung beginnen nachzugeben. Uwe nimmt sich den Feuerlöscher, der glücklicher Weise in Griffnähe deponiert ist. Es wird immer wieder mit Schießen gedroht, was durch das metallene Schlagen des Gewehrlaufes gegen die Scheibe unterstrichen wird. Dann wird nach Euros oder Dollar verlangt. Die zweite Person macht sich derweil an dem rückseitigen Fenster zu schaffen. Ich liege noch immer regungslos im Bett und frage was ich tun kann. Nichts, einfach nur ganz ruhig bleiben. Die Situation ist schrecklich und unwirklich zugleich. Das rückseitige Fenster ist inzwischen eingeschlagen. Da es zu etwas mehr als einem Drittel vom Bettrahmen bedeckt ist, kann aber niemand hinein. Das Rütteln an der Tür lässt nicht nach. Dann kommt von draußen die Mahnung: „Give me money or fire!“ Jetzt wird gezählt. „Three.“ Pause „Two.“ Pause. Die Luft ist zum Zerreißen. Ich habe solche Angst um Uwe. Er steht direkt vor der Tür. „One.“ Es ist kaum zu beschreiben, was in einer solchen Situation in einem vor sich geht. Man wartet auf den angekündigten Schuss, hofft gleichzeitig, dass er nicht kommt . Zum Glück kam er nicht. Das Rütteln lässt für einen kurzen Moment nach. Die Männer scheinen sich im Führerhaus zu schaffen zu machen. Uwe brüllt: „Go out of the car!“ „You fucking guys, go out of the car!” Dann geht das Rütteln an dem kaum noch haltenden Türschloss wieder los. Der Gewehrlauf wird als Hebel verwendet. Uwe hält mit einer Hand dagegen. Mit der anderen legt er den Scheinwerfer bereit und entsichert den Feuerlöscher. Es wird wieder Geld gefordert und mit Schießen gedroht. Uwe schreit zurück. Er hat schon fast keine Stimme mehr. Dann lockert er den Gegendruck am Türgriff. Die Tür öffnet sich einen spaltbreit und Uwe leuchtet den Angreifer mit der einen Hand an, mit der anderen betätigt er den Feuerlöscher. Die Tür wird zugeschlagen. Uwe hält sofort wieder dagegen. Draußen sind noch eine Weile Stimmen zu hören, dann ist es ruhig. Wir verharren regungslos. Sind sie weg? Oder sind sie nur still? Die Anspannung ist unbeschreiblich.

Erst nach einer ganzen Weile rühren wir uns. Wir flüstern lediglich und versuchen kein Geräusch aus dem Auto dringen zu lassen. Nachdem nichts passiert nehmen wir an, dass die zwei Gestalten die Flucht ergriffen haben. Wir beratschlagen, was wir tun können. Ich habe wahnsinnige Angst, dass die Zwei zurück kommen, vielleicht sogar mit Verstärkung. Wo um alles in der Welt sind nur die Soldaten die uns bewachen sollten? Bei dem veranstalteten Lärm hätten sie uns selbst in einiger Entfernung hören müssen. Wir überlegen. Nach einigem Abwägen der Möglichkeiten beschließen wir mit unserem Handscheinwerfer Lichtsignale in Richtung Militärposten zu senden und abzuwarten. Eigentlich haben wir keine große Hoffnung, dass jemand auf uns reagieren wird. Dann hören wir draußen Stimmen. Es sind zwei Soldaten, denen wir mit großer Erleichterung die Tür öffnen. Sie haben unser Licht gesehen. Ich kann es kaum fassen – wir sind in Sicherheit.

In kurzen Worten und vermutlich ohne wirklich verstanden zu werden, machen wir den Soldaten klar, dass sie sich für den Rest der Nacht keinen einzigen Schritt mehr vom Auto entfernen werden. Sicherheitshalber präsentieren wir ihnen unsere Campingstühle und kochen ihnen einen Tee. Sie sagen immer wieder es sei doch alles ok, wir können uns ruhig schlafen legen. Daran ist jedoch nicht zu denken. Bei Licht und geöffneter Kabinentür ruhen wir lediglich ein wenig. Wir sind völlig geschafft und die Anspannung weicht noch lange nicht. Die Minuten vergehen wie Stunden. Wir warten sehnsüchtig auf die ersten Sonnenstrahlen. Immer wieder versichere ich mich, dass zumindest einer der Soldaten noch vor der Tür sitzt. Da er bewaffnet ist, vermittelt er ein Gefühl der Sicherheit aber das Vertrauen ist gebrochen. Wo waren sie nur als wir sie gebraucht hätten?

Endlich wird es draußen hell. Es ist 6.30 Uhr und die Nacht geht langsam zu Ende. Ich koche noch einmal Tee für den verbliebenen Soldaten und Kaffee für Uwe, während die beiden das eingeschlagene Fenster provisorisch abkleben. Dann verabschiedet sich der Soldat. Kein Wort darüber, dass irgendjemand kommt, um uns zu helfen oder dass sonst irgendetwas passieren wird. Wir machen uns daran, jedes einzelne Rad vom Lkw bestmöglich zu versorgen um noch einmal einen letzten Freifahrversuch zu unternehmen. Er gelingt nicht und wir müssen uns eingestehen, dass wir ohne Hilfe nicht aus der morastigen Erde heraus kommen.

Wir warten bis 10 Uhr. Der angekündigte große Wagen erscheint nicht. Da wir diesen Ort so schnell wie möglich verlassen wollen ergreifen wir selbst die Initiative. In der Nacht hatten wir bemerkt, dass unser GPS verschwunden ist. Eine mögliche Erklärung hierfür wäre, dass es auf dem nächtlichen Weg vom Militärgelände zum Hansi aus dem Rucksack gefallen ist. Wir verschließen das Auto und nehmen den am Vorabend gegangen Weg zum Stützpunkt, wo wir uns nach dem Stand der Dinge erkundigen. Das GPS finden wir nicht und am Gebäude angelangt, treffen wir die Soldaten mit langen Gesichtern an. Unser GPS hat keiner gesehen und mit dem Herausziehen des Lkw´s kann uns auch nicht geholfen werden. Auf einmal ist alles ein „big problem“. Irgendwie ist die Sache seltsam. Wir beschließen den Weg zur Straße zu nehmen, halten ein Auto an und lassen uns zum Polizei-Check-Point fahren. Als wir von der Pritsche klettern ist das erste Gesicht das wir sehen einer der netten Beamten vom Vortag. Wir erklären die Situation und zeigen dazu unsere Kamera mit einem Bild vom festgefahrenen Hansi. Nach einem Blick auf das Display ist unser Problem sofort erkannt. Die schnelle Handlung überrascht uns sehr. Ehe wir uns versehen sitzen wir wieder auf der Ladepritsche des Autos, der Polizist nimmt vorne Platz und der Fahrer wird angewiesen, zu unserem Lkw zu fahren. Erst bei der Fahrt realisieren wir, wie weit unser Fußweg bis an die Straße gewesen ist.

Am Hansi angelangt, ist die Situation schnell klar: Ein Radlader muß her. Wir zeigen dem Polizisten auch die eingeschlagene Scheibe und erst jetzt versteht er, dass wir vergangene Nacht überfallen worden sind. Er verspricht uns, innerhalb der nächsten halben Stunde mit einem Radlader wieder zu kommen. Wir hoffen, dass er Wort hält. Nach einer dreiviertel Stunde kommt ein Taxi mit zwei Personen, einem Fahrer und einem Polizist. Sie begutachten die Situation und kündigen den Radlader an, der tatsächlich wenige Minuten später zusammen mit unserem Polizisten erscheint. Wir sind unglaublich erleichtert und froh über die schnelle Organisation der Hilfe.

Doch so einfach ist es dann leider doch nicht. Nach einigen Versuchen mit dem Schleppseil, folgt das Anheben von Hansi mit dem Radlader, Sandbleche werden verlegt, Gestrüpp wird herbeigeschafft und schließlich ist auch der Loader festgefahren. Es wird kurz diskutiert, dann telefoniert und nach kurzer Zeit kommt ein LKW gefahren, der zunächst den Loader und dann uns herausziehen soll. Die Zahl der zuschauenden und mithelfenden Männer wird immer größer, doch der herbeigeholte Lkw hat gegen die matschige Erde keine Chance. Die Räder drehen durch und die mit viel Kraft und Aufwand vom Hansi zum Loader umgesetzten Sandbleche helfen ebenso wenig wie das erneut herbeigeschaffte Gestrüpp oder gar die schweren, heran geschleppten Steine. Bevor auch der LKW fest sitzt, rückt er wieder ab. Erneut wird geredet und telefoniert. Zwischenzeitlich wird immer mal wieder von einer „winch“ gesprochen, nur verstehen wir nicht, ob eine solche verfügbar wäre.

Dann sieht es so aus, als ob für den heutigen Tag keine Lösung mehr herbeigeführt werden kann. Es ist bereits Nachmittag und die verbliebenen zwei Polizisten wollen sich verabschieden. Wir sind ein wenig unruhig, da wir nicht verstehen ob heute noch etwas unternommen wird oder wir die nächste Nacht im Hotel verbringen und Hansi allein zurücklassen müssen. Wir fragen, wie hoch die entstandenen Kosten sind und was wir zu zahlen haben. „Oh, no! No money!“, lautet die für uns überraschende Antwort. Es wird mit Händen und Füssen gesprochen, dann werden Fotos gemacht. Ich mit dem einen Polizisten, Uwe und die beiden Polizisten, Uwe und ich mit dem andern Polizisten. Dann wird wieder telefoniert und schließlich bleiben die beiden Polizisten doch. Nach mehreren Aufforderungen nehmen sie das Angebot unserer Campingstühle an. Ich koche Tee. Bevor ich ihn servieren kann, kommt ein weiteres Auto mit zwei weiteren Polizisten. Dann erscheint der Chef der Baufirma, dem der Loader und der LKW gehören. Er ist verständlicher Weise wenig erbaut von der Situation. Es wird wieder diskutiert und Tee getrunken. Dann erscheint in Begleitung dreier Soldaten der Major, mit dem Uwe am Vorabend telefoniert hatte und der uns seine Hilfe für 10 Uhr vormittags versprochen hatte. Inzwischen ist zwar bereits Nachmittag, aber immerhin erscheint er. Die Männer stehen beisammen, diskutieren, telefonieren, Uwe wird über den genauen Hergang des Überfalls befragt, wobei das verschwundene GPS von großer Bedeutung ist. Ich beginne mit dem Packen des Notfall-Rucksacks für die Nacht, denn es sieht nicht so aus, als sei für heute noch eine Lösung zu erwarten.

Dann überschlagen sich die Ereignisse plötzlich. Es erscheint erneut der Lkw, diesmal mit Sand beladen. Dahinter kommt ein kleiner Transporter, bepackt mit allerlei Stahlseilen. Und zu guter Letzt erscheinen zwei Wagen, aus denen zwei scheinbar sehr hochrangige, gut gekleidete Herren steigen, begleitet von einem englisch sprechenden Polizisten als eine Art Sprachrohr. Denn um direkt mit uns – besser gesagt mit Uwe – zu sprechen, sind die beiden offenbar viel zu wichtig. Es geht immer wieder um das GPS und darum, ob es denn nun ganz sicher gestohlen oder vielleicht doch verloren gegangen ist. Und darum, ob die zwei Männer bei dem Überfall geschossen haben oder nicht. Gleichzeitig sind die anderen Männer damit beschäftigt, den Loader mit Hilfe des sandbelanden Lkw´s aus dem Erdreich zu befreien. Und es gelingt ihnen tatsächlich gleich beim ersten Anlauf! Die Freude ist groß und im nächsten Schritt sollen der Lkw und der Loader mit vereinten Kräften unseren Hansi bergen. Der erste Anlauf scheitert und Hansi droht kurzzeitig umzukippen. Der Major lässt von seinen Soldaten alles aus dem nähren Umfeld vom Hansi entfernen und teilt uns mit, dass sie befürchten, unser Auto kippe um. Damit ist Uwe überhaupt nicht einverstanden, und sogleich werden die Soldaten angewiesen, auf der einen Seite vom Hansi Sand wegzuschaufeln und auf der anderen Sand unterzuschaufeln. Und so wird im nächsten Anlauf und mit vereinten Kräften unser Hansi endlich befreit. Nach fast 24 Stunden steht er nun nahezu unversehrt wieder waagerecht und auf festem Boden. Jeder einzelne der Anwesenden scheint froh und erleichtert darüber, dass es endlich geschafft ist. Jeder klopft dem andern anerkennend auf die Schulter. Unsere Erleichterung ist riesig. Angesichts des Umfangs dieser Bergeaktion gibt es kaum die richtigen Worte und so schütteln wir reihum jedem Einzelnen dankbar die Hand.

Nach und nach rücken die Autos ab. Die Soldaten werden angewiesen, unser Werkzeug und die Sandbleche zusammen zu suchen und zum Auto zu bringen. Wir werden gebeten, dem Major zu folgen, um noch ein paar Formalitäten zu erledigen.
Er fragt, ob wir einen Report machen wollen. Ihm wäre lieber, wenn wir darauf verzichten, denn seine Soldaten hätten ohnehin schon genug Ärger und das GPS würde so oder so nicht wieder auftauchen. Aus seinen Worten ist eindeutig vernehmbar, dass die beiden Männer beim Überfall Soldaten oder aber deren Freunde gewesen sein müssen. Denn in dieser verlassenen Gegend hält sich ansonsten niemand auf und erst recht niemanden mit einem Gewehr. Unsere Frage nach den Kosten wird mit „It´s for free“ beantwortet. Wir verzichten auf einen Report und der Major führt uns zu einem Hotel. Auch hier sollen wir nichts bezahlen. Für uns ist klar, dass wir keine weitere Zeit hier an diesem Ort verbringen wollen. Ein Versuch herauszufinden, wer die Täter waren, möchten wir auch nicht starten, da es uns aussichtslos erscheint.


Anmerkung von Nicole:
Dieser Bericht wurde bereits wenige Tage nach dem Überfall aufs Papier gebracht. Wir hatten uns in Martha Matru, der nächst größeren Stadt, für ein paar Tage in einem Hotel einquartiert, um Zeit und Ruhe zum Nachdenken zu haben. Wir mussten uns darüber klar werden, ob wir die Reise überhaupt fortsetzen wollten.
Ich habe das Erlebnis möglichst objektiv geschildert. Logischer Weise ruft es eine Menge Emotionen hervor und ist auch nicht von Heute auf Morgen vergessen. Mir hat es zunächst alles Vertrauen in die Menschheit entzogen. Ich habe mich nicht mehr sicher gefühlt, wollte aber auch nicht, das unsere Reise endet, bevor sie überhaupt richtig begonnen hat. Ich wollte sehen, wie es mir beim Weiterreisen geht. Insbesondere in Nächten, in denen es keine offiziellen Campingmöglichkeiten gab, war es sehr schwer für mich. Aber auch die vielen Polizei- und Militär-Check-Points auf den Straßen haben mir jedes Mal schwer im Magen gelegen.
Die lange Pause in Dar es Salam war für mich sehr hilfreich. Ich habe mir viel Zeit genommen um das Erlebnis noch einmal mit etwas mehr Abstand zu betrachten. Jetzt, wo wir wieder unterwegs sind merke ich, dass mir das Reisen nun deutlich leichter fällt. Die Polizei-Checks beunruhigen mich nicht mehr und ich nehme die vielen schönen Erlebnisse und all die netten Begegnungen viel intensiver wahr.

Anmerkung von Uwe:
Während des eigentlichen Überfall ging es zu keiner Zeit um die Frage, ob ich den Räubern Geld gebe oder nicht. Der zentrale Gedanke war von Anfang an: „Die Türe muss geschlossen bleiben, was passiert, wenn die Zwei erst mal eine geöffnete Türe vor sich haben?“ So war mein Agieren keinesfalls gesteuert durch eine Unwilligkeit den Banditen Geld zu geben, auch keinesfalls gesteuert durch ein „Heldendenken“, es war einfach nur die Angst, keine Blockade mehr zwischen Ihnen und uns zu haben.
Im Gegensatz zu Nicole, hatte ich die Ereignisse relativ schnell verarbeitet. Vielleicht half mir mein pragmatisches Wesen, keine Ahnung, jedenfalls gelang es mir schnell, den Überfall als Vergangenheit zu aktzieptieren. Nachdem der Entschluss für eine Weiterführung der Reise gefallen war, konnte ich diese auch genießen, ohne im Hinterkopf an den Überfall zu denken.